Archiv für Oktober 2008

Fachzeitschrift “Neue Caritas 17/2008″: Leserforum - Pflegestufe und Folgen

Montag, 13. Oktober 2008

Auf die Rubrik “schon gewusst?” in der neuen caritas Heft 15/2008 bezieht sich folgende Leserzuschrift:

Zu der Äußerung “Mehr Personalstellen in der stationären Pflege werden erst durch die Erhöhung der Pflegesätze möglich” ist zu sagen: Die Bewohner der stationären Einrichtungen müssen vor dem Wechsel in eine vollstationäre Einrichtung vom Medizinischen Dienst richtig eingestuft werden. Denn Einstufung und Personalschlüssel sind eng miteinander verzahnt.
Vom 1. Juli 1996 bis zum 18. September 2008 haben sich die Einstufungen gravierend verändert und zwar nach unten, was zur Folge hat, dass auch der Personalschlüssel negativ beeinträchtigt wird. Ein Beispiel aus unserem Haus: Eine Höherstufung von Pflegestufe II auf III wurde über das Sozialgericht gewonnen. Der Zeitraum belief sich über sechs Jahre, vier Monate und zehn Tage. Das Personal für den Mehraufwand wurde von uns für diesen Zeitraum gestellt, also vorgestreckt. Die Nachzahlung für unser Haus betrug circa 39.000 €. Die Bewohnerin hat das noch erlebt!
Wir haben seit Jahren jährlich rund 20 Härtefälle. Pro Härtefall haben wir 0,2 Stellen, insgesamt vier Stellen zusätzlich in der Pflege bekommen.

Georg Bonerz, Hubertus Volmer
Einrichtungsleitung/ Geschäftsführung Marienhaus gGmbH

VKAD Infoheft Impuls 07/2008: Heim contra Kasse - Wie Pflegebedürftige schikaniert werden

Montag, 13. Oktober 2008

Das Marienhaus in Essen führt schon seit vielen Jahren stetige Auseinandersetzungen mit den Pflegekassen, wegen deren inadäquaten Einstufungspraxis. Den Verantwortlichen im Marienhaus geht es um eine am tatsächlichen Bedarf orientierte Einstufungspraxis und damit auch um die Sicherung der Finanzierung für ausreichendes und qualifiziertes Personal für die Pflege und Betreuung der Bewohner/innen.
Was wir aus dem ambulanten, häuslichen Bereich an Einstufungen bekommen, so sagen Hr. Bonerz und Hr. Volmer, beide Geschäftsführer des Marienhauses, ist einfach nicht korrekt. “Und wenn dann, nach Jahren zuhause, nichts mehr geht, weil alle erschöpft sind, sollen wir dann übernehmen als stationäre Einrichtung.”

Bonerz und Volmer gehen in den Widerstand - mit Widersprüchen und Klageverfahren gegen zu niedrige Einstufungen - und sie haben Erfolg hier zwei Beispiele:
Nach 6 Jahren, 4 Monaten und 10 Tagen hatte ein Antrag auf Höherstufung von Stufe II nach Stufe III vor dem Sozialgericht Erfolg gehabt. Die Höhe der Nachzahlung von ca. 39000 € und die Belohnung für unsere Ausdauer löste auch Erleichterung aus, denn das Geld für Mehr an Pflege, was die Bewohnerin benötigte, war ja über all die Jahre von der Einrichtung vorgestreckt worden.

In der Zwischenzeit wurde dieser o.g. Zeitraum noch übertroffen und zwar ging es um die Einstufung eines Härtefalls nach 7 Jahren und 7 Monaten.

Der Widerstand wird aber nicht nur nach innen geführt sondern auch über eine schon mehrmals wiederholte Kampagne an die Öffentlichkeit getragen. Mit der sogenannten Nachdenkaktion soll breit über das Thema: Was uns die Pflege alter Menschen wert ist gesprochen werden. Am 30.09.2008 reif das Marienhaus wieder zum Nachdenken für eine Stunde vor das Haus auf.

Am 14.07.2008 wurde bei Report München die Sendung “Heime contra Kasse - Wie Pflegebedürftige schikaniert werden” gesendet. Den Report zu dieser Sendung können Sie unter http://www.br-online.de/daserste/report/archiv/2008/00489/ nachlesen.

Die Hemmschwellen, sich von Seiten der Caritasverbände und der Einrichtungen gegen die Missstände zu wehren, wächst indes. Die Widerständler werden mehr. Siehe “Pflegealarm in Niedersachsen” unter http://www.dicvonsbrueck.caritas.de/45870.html oder die Aktion 30.06.2008 vom Diözesancaritasverband in Speyer. Wir berichteten in der Ausgabe InfoDienst 4/2008 und im CariNet über diese beiden Kampagnen.

Anne Helmer

Süddeutsche Zeitung vom 04.07.2008: “Oberpfleger, Modell umgeschulter Maurer!”

Montag, 13. Oktober 2008

Pflegestammtisch im Löwenbräukeller: Bittere Töne gegen die Gesundheitsministerin

Scharfzüngig sind sie alle beide, jeder in seinem Metier. Claus Fussek ist als Kritiker der Missstände in der Pflege weit über München und Bayern hinaus bekannt, während der Kabarettist Georg Schramm den bitterbösen schimpfenden Rentner Lothar Dombrowski gibt. Sein Auftritt beim Pflegestammtisch im Löwenbräukeller war für den Preußen ein Heimspiel: Da erzählte Dombrowski von seinem Einzug in ein Seniorenheim, vom Alltag wie den Erfahrungen mit dem “Oberpfleger, Modell umgeschulter Maurer”. Vom Essen zu Tageszeiten, die sich mehr am Dienstplan orientieren als den Wünschen der Bewohner, oder aber von der freundlichen Anrede: “Liebe Senioren!” Wenn Dombrowski das hört, weiß er, was kommt: “Dann wird entweder anschließend Geld gesammelt oder gelogen.” Manchmal freilich scheint die Wahrheit noch viel schwerer zu ertragen zu sein als Kabarett. So hat es sich jetzt Claus Fussek mit Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt gründlich verscherzt, weil er in einem Interview die Diskussion um die Finanzierung der Pflegeversicherung als “Aufforderung an alle Pflegebedürftigen zum kollektiven Suizid” bezeichnet hat. Das Ministerium habe ihn danach wissen lassen, dass er nun “kein Gesprächspartner” mehr und der Kontakt damit beendet sei. Doch Fussek muss wohl kaum traurig sein, wenn er nicht mehr zu Runden Tischen nach Berlin eingeladen wird, die Papier-Berge produzieren, aber wenig voranbringen. Fussek könne es sich “als Orden an die Brust heften, dass er von Ulla Schmidt nicht mehr eingeladen wird”, meinte Schramm unter großem Beifall. Schließlich müsse man wissen, wo die Feinde sitzen.
“Wenn hilfebedürftige Menschen sich nur noch als “Pflegelast” empfinden und die unendliche Geschichte um die Pflegeversicherung resigniert und verbittert als “soziale Euthanasie” anprangern, dann sollten bei uns allen die Alarmglocken schrillen.” Auf dieses Zitat muss das Ministerium nicht mehr beleidigt reagieren - es stammt weder von Fussek noch von Schramm, sondern stand so in der Mitgliederzeitschrift der Barmer Ersatzkasse - vor 14 Jahren.
Leider bleibt es aktuell!

Frankfurter Rundschau vom 27.08.2009: “Pflegeversicherung ist Aufforderung zum kollektiven Suizid”

Montag, 13. Oktober 2008

Herr Fussek, der ehemalige Hamburger Justizsenator Roger Kusch hat einer 79-Jährigen beim Suizid geholfen - zu Recht?

Nein, was dort praktiziert wurde ist kriminell. Aber mich ärgern auch die vielen Heuchler, die jetzt empört auftreten, obwohl wir seit Jahren wissen, dass die Situation in Pflegeheimen katastrophal und menschenunwürdig ist.

Was war kriminell?

Ich finde es kriminell, wenn man jemandem, der nicht sterbenskrank ist, keine anderen Angebote unterbreitet. Wo man sich wirklich um alte, pflegebedürftige Menschen kümmert, kommt niemand auf die Idee, nach Suizid zu rufen. Diesen Tod muss man als Hilfeschrei einer alten Frau sehen, deren Leid pervers instrumentalisiert wurde. Man sollte sich nicht nur über Herrn Kusch empören, sondern über die Untätigkeit der Gesellschaft.

Manche wollen aber sterben.

Man muss sich das mal vorstellen: Sie liegen in einem Doppelzimmer in einem durchschnittlichen Pflegeheim, haben Schmerzen und es ist nur eine Schwester da für 60 alte Menschen. Sie liegen in ihrem Kot und Urin und niemand hilft Ihnen. Das ist kein Horrorszenario, sondern Alltag in vielen Einrichtungen. Die Menschen sind alleine, einsam und verzweifelt.

Ist unser Pflegesystem grausam?

Ja, allein die Diskussion um die Finanzierung der Pflegeversicherung ist doch verkürzt gesagt eine Aufforderung an alle Pflegebedürftigen zum kollektiven Suizid. Wir signalisieren den Alten: Gute Pflege kann sich dieses reiche Land nicht leisten.

Claus Fussek ist Sozialpädagoge und Autor mehrerer Bücher, die sich kritisch mit der Altenpflege auseinandersetzen. Zuletzt erschien von ihm bei Bertelsmann die Streitschrift “Im Netzt der Pflegemafia”. Darin erläutert Fussek, wie das Pflegesystem den schlechten Zustand von Altenheimbewohnern hervorbringt und wie Pflegeverbände, Heimbetreiber und Pharmafirmen davon profitieren.

Das Büro des Autors ist eine Sammelstelle, die bundesweit Missstände dokumentiert und anprangert. Mit seinen kritischen Thesen provoziert Fussek regelmäßig Heimleiter, Pfleger, Politiker und Krankenkassen.

Will die Gesellschaft die Alten loswerden?

Alte Tiere werden bei uns würdevoller versorgt als alte Menschen. Wir leben in einer Gesellschaft, die zwei Milliarden Euro für Hunde- und Katzenfutter ausgibt und sich nicht schämt, dass wir gleichzeitig mehr als 200 000 mangelernährte alte Menschen in Pflegeheimen haben. Wer gegen aktive Sterbehilfe ist, muss diesen Menschen einen schmerzfreien und würdevollen letzten Lebensabschnitt garantieren. Aber in unserem Land muss man in manchen Städten Lotto spielen, um einen Platz in einer Palliativstation zu bekommen und ein Großteil der Ärzte hat keine Ahnung von Schmerztherapie - das ist für mich der Irrsinn.

Was halten sie von neuen Gesetzen zur Palliativmedizin?

Schon die Tatsache, dass wir dafür ein Gesetz brauchen, ist peinlich. Das ist eine Sache des Grundgesetzes und des gesunden Menschenverstandes. Jeder Arzt und Heimleiter sollte sich kümmern. Es gibt schon Altenheime, wo Palliativmedizin selbstverständlich ist und wo kein alter Mensch mit Schmerzen sterben muss.

Ist Qualität in der Pflege nicht auch eine ökonomische Frage?

Ich höre sehr oft den Satz: Das lohnt sich nicht mehr, das ist zu teuer. Der frühere Ärztepräsident hat mit dem “sozialverträglichen Frühableben” das ausgesprochen, was viele denken - und Kusch hat das jetzt umgesetzt.