Herr Fussek, der ehemalige Hamburger Justizsenator Roger Kusch hat einer 79-Jährigen beim Suizid geholfen - zu Recht?
Nein, was dort praktiziert wurde ist kriminell. Aber mich ärgern auch die vielen Heuchler, die jetzt empört auftreten, obwohl wir seit Jahren wissen, dass die Situation in Pflegeheimen katastrophal und menschenunwürdig ist.
Was war kriminell?
Ich finde es kriminell, wenn man jemandem, der nicht sterbenskrank ist, keine anderen Angebote unterbreitet. Wo man sich wirklich um alte, pflegebedürftige Menschen kümmert, kommt niemand auf die Idee, nach Suizid zu rufen. Diesen Tod muss man als Hilfeschrei einer alten Frau sehen, deren Leid pervers instrumentalisiert wurde. Man sollte sich nicht nur über Herrn Kusch empören, sondern über die Untätigkeit der Gesellschaft.
Manche wollen aber sterben.
Man muss sich das mal vorstellen: Sie liegen in einem Doppelzimmer in einem durchschnittlichen Pflegeheim, haben Schmerzen und es ist nur eine Schwester da für 60 alte Menschen. Sie liegen in ihrem Kot und Urin und niemand hilft Ihnen. Das ist kein Horrorszenario, sondern Alltag in vielen Einrichtungen. Die Menschen sind alleine, einsam und verzweifelt.
Ist unser Pflegesystem grausam?
Ja, allein die Diskussion um die Finanzierung der Pflegeversicherung ist doch verkürzt gesagt eine Aufforderung an alle Pflegebedürftigen zum kollektiven Suizid. Wir signalisieren den Alten: Gute Pflege kann sich dieses reiche Land nicht leisten.
Claus Fussek ist Sozialpädagoge und Autor mehrerer Bücher, die sich kritisch mit der Altenpflege auseinandersetzen. Zuletzt erschien von ihm bei Bertelsmann die Streitschrift “Im Netzt der Pflegemafia”. Darin erläutert Fussek, wie das Pflegesystem den schlechten Zustand von Altenheimbewohnern hervorbringt und wie Pflegeverbände, Heimbetreiber und Pharmafirmen davon profitieren.
Das Büro des Autors ist eine Sammelstelle, die bundesweit Missstände dokumentiert und anprangert. Mit seinen kritischen Thesen provoziert Fussek regelmäßig Heimleiter, Pfleger, Politiker und Krankenkassen.
Will die Gesellschaft die Alten loswerden?
Alte Tiere werden bei uns würdevoller versorgt als alte Menschen. Wir leben in einer Gesellschaft, die zwei Milliarden Euro für Hunde- und Katzenfutter ausgibt und sich nicht schämt, dass wir gleichzeitig mehr als 200 000 mangelernährte alte Menschen in Pflegeheimen haben. Wer gegen aktive Sterbehilfe ist, muss diesen Menschen einen schmerzfreien und würdevollen letzten Lebensabschnitt garantieren. Aber in unserem Land muss man in manchen Städten Lotto spielen, um einen Platz in einer Palliativstation zu bekommen und ein Großteil der Ärzte hat keine Ahnung von Schmerztherapie - das ist für mich der Irrsinn.
Was halten sie von neuen Gesetzen zur Palliativmedizin?
Schon die Tatsache, dass wir dafür ein Gesetz brauchen, ist peinlich. Das ist eine Sache des Grundgesetzes und des gesunden Menschenverstandes. Jeder Arzt und Heimleiter sollte sich kümmern. Es gibt schon Altenheime, wo Palliativmedizin selbstverständlich ist und wo kein alter Mensch mit Schmerzen sterben muss.
Ist Qualität in der Pflege nicht auch eine ökonomische Frage?
Ich höre sehr oft den Satz: Das lohnt sich nicht mehr, das ist zu teuer. Der frühere Ärztepräsident hat mit dem “sozialverträglichen Frühableben” das ausgesprochen, was viele denken - und Kusch hat das jetzt umgesetzt.