Ruhrwort vom 17.05.2008: Eine wichtige Erfahrung: Widersprechen lohnt sich
Montag, 26. Mai 2008Das 50-jährige Jubiläum des Marienhauses und der unermüdliche Kampf um eine menschenwürdige Pflege
Das Marienhaus in Essen. Ein katholisches Alten- und Pflegeheim mit 102 vollstationären und zehn Kurzzeitpflegeplätzen. Zentral in der Innenstadt gelegen, an der Ottilienstraße. An diesem Mittwoch konnte das Haus sein 50-jähriges Jubiläum feiern. Das alte Marienhaus war 1958 auf dem Trümmergrundstück der ehemaligen Pfarrei St. Joseph erbaut worden. 1968 erweitert, begann 1998 der wohl größte Schritt in der Geschichte des Hauses: Ein kompletten Neubau wurde begonnen und im Jahr 2000 fertiggestellt. 50 Jahre Marienhaus. Es war eine dezente Feier. Stilvoll und angemessen.
Zunächst die heilige Messe, dann das gemütliche Beisammensein – gut essen und trinken, vor allen aber auch mit guten Gesprächen. Das alles bei bestem Frühsommerwetter. Eitel Sonnenschein über dem Marienhaus sozusagen. Ein Sinnbild für die Situation des Hauses? Es ist fraglich, ob es überhaupt ein Pflegeheim gibt, das seine Situation mit „eitel Sonnenschein“ beschreiben würde. Pflege ist teuer und Pflege ist zeitintensiv – und je höher die Ansprüche an das eigene Haus sind, und zwar mit Rücksicht auf die Bewohner, umso mehr muss „investiert“ werden. Das Marienhaus legt die Latte hoch, es hat hohe Ansprüche. „Satt, sauber, ruhig“, das ist hier verpönt. Es geht um eine „menschenwürdige Pflege“, und zu einer menschenwürdigen Pflege gehört eine ausreichende Personalausstattung. Damit aber ist schon der fast ewige Kampf des Marienhauses angesprochen: der Kampf um eine korrekte und fachlich begründete Einstufung der Bewohner in ihre Pflegestufe.
Das ist nicht ganz einfach zu erklären. Tatsache ist: Im Marienhaus werden im Bereich der Pflege und des Sozialen Dienstes 52 Vollstellen angeboten; insgesamt gibt es 67 Mitarbeiter in Vollstellen. Dazu kommen 16 Auszubildende, 12 davon in der Altenpflegeausbildung. Brisant ist: Mit diesem Stellenplan finanziert das Marienhaus drei bis vier Stellen vor, um die aktuelle Pflegearbeit auf einem entsprechenden Niveau leisten zu können; und dies seit Jahren. Diese Stellen sind nicht durch die laufenden Einnahmen des Hauses gedeckt. Damit sind sie im Grunde genommen unwirtschaftlich, und es ist das Risiko des Hauses, sie eingerichtet zu haben. Wie werden sie finanziert? Zurzeit sind 32 Prozent der Bewohner des Hauses mit der entsprechenden Erstattung in der Pflegestufe 3 und in der Stufe Härtefall eingestuft. „Arbeiten müssen wir aber für 48 Prozent unserer Bewohner in diesen Pflegstufen“, sagen die Geschäftsführer des Hauses, Georg Bonerz und Hubertus Vollmer. Damit ist
Mehrarbeit verbunden und Mehrarbeit begründet die zusätzlichen Stellen. Nun geht das Haus gegen die seiner Meinung nach falsche Einstufung von Bewohnen vor und verlangt eine Höherstufung. Insgesamt laufen zurzeit 55 Verfahren; mit 25 Verfahren befinet sich das Marienhaus vor dem Sozialgericht. Bekommt das Haus Recht mit seiner Forderung, wird also eine Höherstufung anerkannt, werden Nachzahlungen fällig, sogenannte „periodenfremde Erträge“. Aus ihnen können bzw. müssen die zusätzlichen Stellen finanziert werden. „Allein im ersten Quartal 2008 haben wir periodenfremde Erträge aus den Jahren 2001 bis 2008 von rund 100000 Euro erzielt“, erläutert Georg Bonerz. Ein mühsamer Weg. Bonerz erklärt: „Das letzte vor dem Sozialgericht gewonnene Verfahren dauerte 6 Jahre, 4 Monate und 10 Tage. Es ging um eine Höherstufung von Stufe 2 auf Stufe 3. Unsere Bewohnerin lebt immer noch. Wir erhielten eine Nachzahlung von 39000 Euro.“ Damit ist klar: Ohne „Kampf“ hätte das Marienhaus dieses Geld nie bekommen. Es hätte die Bewohnerin in Stufe 3 gepflegt, aber nur Einnahmen für Stufe 2 erhalten, und das für mehr als 6 Jahre. Ist das ein Thema für ein Jubiläum? Es passt vielleicht besser als jede Festansprache. Weil es zeigt, wie sehr sich das Haus bis in letzte Konsequenzen hinein für eine möglichst menschenwürdige Pflege der Bewohner stark macht. „Möglich ist das alles nur, da alle im Marienhaus inklusive der Bewohner, der Angehörigen und der Betreuer glaubwürdig an einem Strang ziehen“, halten die Geschäftsführer fest. Sie haben der Politik und den Krankenkassen noch vieles mit auf den Weg zu geben. Um der Bewohner willen. Um einer menschenwürdigen Pflege willen. Das galt vor dem Jubiläum und es gilt nach dem Jubiläum.
Ulrich Engelberg