Archiv für April 2008

NRZ vom 08.04.2008: BLEISTIFTE STATT BERÜHRUNGSÄNGSTE

Dienstag, 29. April 2008

Mit Unterstützung der Kunsttherapeutin Claudia Büelers können sich alte Menschen ein Bild von sich selbst machen.

Ein Bild von sich selbst machen im Altenheim Marienhaus: Cecilie Günther (li.) malt mit Kunsttherapeutin Claudia Büeler. (NRZ-Foto: Tietz) “Da, wo das Leben Geschichten ins Gesicht geschrieben hat, fühle ich mich am wohlsten.” Und so führte Claudia Büelers Weg ins Marienhaus an der Ottilienstraße. Die Kunsttherapeutin aus Düsseldorf ist zwei Wochen lang im katholischen Altenwohn- und Pflegeheim auf Bewohner zugegangen. Das geschah mal mit, mal ohne Worte, mit Papier und Bleistift und ohne Berührungsängste. Die Ergebnisse dieses Annäherungsprozesses hängen jetzt an den Wänden im Marienhaus: Porträts von Bewohnern mit ganz eigenwilligem Charme, der sich oft erst auf den zweiten Blick erschließt.

Claudias Büeler sagt: “Ich zeichne Alte aus Wertschätzung den Alten gegenüber.” Dabei belässt sie es nicht beim herkömmlichen Porträtieren von Heimbewohnern. Die Kunsttherapeutin kopiert die fertigen Porträts und die alten Menschen machen sich dann noch mal ein Bild von sich: Sie malen die Porträts mit Farbe an und aus. Viele sagen am Anfang: “Hu, was wollen Sie denn hier? Mein Gesicht will ich nicht gezeichnet bekommen, das ist hässlich und alt”, berichtet Claudia Büeler von Reaktionen beim Kennenlernen. Und dann lassen sich die Älteren doch auf das Abenteuer ein. “Der eine malt immer nur auf einem Fleck, er drückt sich vorsichtig aus”, erläutert Claudia Büeler. Eine andere komme nicht von den Konturen weg, weil sie Halt suche. Und Marienhaus-Bewohnerin Cecilie Günther (91) sagte während des Porträtierens plötzlich: “Jetzt haben Sie mich aus meinem verwirrten Zustand herausgeführt.”

Beim Porträtieren von “Menschen, die sich selbst nicht mehr kennen”, weil sie altersverwirrt sind, hat Claudia Büeler folgende Erfahrung gemacht: “Beim Zeichnen beruhigen sich die Menschen. Der Porträtierte muss nichts leisten, muss nicht funktionieren beim Zusammensein”, so die Kunsttherapeutin. “Es passiert etwas, aber mit Ruhe und Bedingungslosigkeit.”

NRZ vom 15.03.2008: DER RAT DER FÜNF WEISEN…

Montag, 14. April 2008

ESSEN. Sie alle kennen das Leben nur zu gut. Aus langjähriger Erfahrung sozusagen. Die Fünf sind zwischen 71 und 86 Jahre alt, sie wohnen allesamt im Marienhaus in Essen, in einem Altenwohn- und Pflegeheim. Und sie haben sich bereit erklärt, für die NRZ auf Spurensuche zu gehen. Eine Suche in der eigenen Vergangenheit. Was lief falsch? Was habe ich richtig gemacht? Was können jüngere Menschen aus meinem Leben lernen? Was ist wirklich wichtig?

Erna Kiefer ist 82, und sie macht beim Interview den Anfang. Was zu ihr passt, denn sie ist eine Frau der Tat. Musste sie immer sein. Schon ganz früh. Sie lernt in Schlesien Verkäuferin, muss dann aber als 18-Jährige in Ostpreußen Panzergräben verschanzen, mit Glück gelingt die Flucht. “Fast wäre ich auf der Gustloff gelandet”. Sie schafft es in den Westen, mutterseelenallein. Die Familie ist verschollen, der Verlobte verschleppt. “Ich habe bei Bauern gearbeitet, in Fabriken. Was eben kam, ich musste mich am Leben halten.”

1949 kehrt der Verlobte aus der sowjetischen Kriegsgefangenschaft zurück. Sie heiraten, die Tochter wird geboren. Der Mann geht arbeiten. Erna Kiefer bleibt daheim. “Hier würde ich heute die Weichen anders stellen. Ich hätte gerne wieder als Verkäuferin gearbeitet. Aber mein Mann war dagegen. Der wollte das Essen auf dem Tisch stehen haben, wenn er nach Hause kam. Dafür hätte er schließlich geheiratet, sagte er immer.” So war das damals. Sie lacht. Und hat doch einen Rat an junge Frauen: “Lasst Euch nicht unterbuttern. Ich find’s klasse, wie sich die Mädchen heute durchsetzen. Dass darf nur nicht auf Kosten der Kinder geschehen.”

Noch etwas ist ihr wichtig, ein Appell an alle Jüngeren: “Lebt im Jetzt. Wenn ihr gerne reisen wollte, macht es. Mein Mann hat immer gesagt: Später, später. Und was ist später? Jetzt sitze ich hier im Altenheim. Und von allem, wofür ich gearbeitet habe, was wir angeschafft haben, ist nur noch ein klein wenig geblieben. Deshalb: Verzichtet auf nichts. Unter nur einer Bedingung. Niemals Schulden machen, denn die lassen dich einfach nicht ruhig schlafen.”

Armand Oellers (76) sitzt im Rollstuhl. Drei Schlaganfälle hat der gebürtige Essener überlebt, seine rechte Seite ist gelähmt, sein Lebensmut nicht. “Auch wenn ich weiß, dass ich hier nicht mehr rauskomme.” Er hat sich lange damit beschäftigt, warum er heute so krank ist, und er denkt, dass Jüngere daraus Lehren ziehen können. “Ich war in meinem Beruf als Buchhalter immer sehr zielstrebig. Ich habe 150 Prozent gegeben. Ich war bekloppt. Aber ich muss auch sagen, ich wollte es ja so. Ich habe Zahlen immer geliebt, das Arbeiten damit. Ich habe also auch beruflich das Leben gelebt, das ich immer leben wollte. Das ist wichtig. Dafür würde ich auch wieder das gesundheitliche Risiko eingehen. ”

Nicht so aber in einem anderen Punkt. “Ich habe bis zu 60 Zigaretten jeden Tag geraucht. Kette. Im Büro hatte ich gleichzeitig in verschiedenen Aschen- bechern eine Kippe liegen. Erst mit Mitte 40 war ich schlau genug und habe aufgehört. Ich habe das dann mal ausgerechnet: 6000 Mark habe ich jedes Jahr verqualmt. Nie wieder würde ich etwas derart Dummes tun.”

Irmgard Schwittai (86) ist die Älteste in der Runde. Auch sie wurde in Essen geboren, auch sie vom Krieg geprägt. In einer Bombennacht verliert die Familie alles. Und beim Wiederaufbau geht Irmgard wohl auch deshalb einen folgenschweren Kompromiss ein. “Ich habe meinen ersten Mann geheiratet, weil ich dachte, er passt gut zu meinem Vater, dass er mit ihm gemeinsam das Geschäft wieder aufbauen könnte. Er sah gut aus, aber ich habe ihn nicht geliebt, ich habe auch nicht bemerkt, dass er ein Filou ist.”

Ihre Tochter wird geboren, die Familie zieht nach Südafrika, der Mann baut als Architekt zwei Kirchen nahe Kapstadt. “Aber ich habe mich dort niemals wohlgefühlt. Nicht wegen der Menschen, das Land war mir zu kalt.” Sie lässt sich scheiden, auch eine zweite Ehe scheitert. “Kann ein junger Mensch daraus etwas lernen? Ich glaube nicht. Das waren so völlig andere Zeiten. Jedes Leben ist doch wieder anders. Ich finde es zwar gut, wie selbstständig junge Frauen heute sind. Aber sie tun mir auch leid, weil sie immer stärker werden müssen.”

Josef Brinkmann (77) hat viele Jahre in Essen als Dekorateur gearbeitet. “Hatte ich mir auch nicht ausgesucht. Das war der Beruf meines Bruders, der im Krieg gefallen war, also war das Handwerkszeug da, also habe ich das gemacht. Eigentlich wäre ich lieber Elektriker geworden. Was soll’s. Viel mehr ärgere ich mich heute, dass ich so wenig gereist bin. Ich wollte nicht weit ins Ausland, aber ich wäre gerne mal längere Zeit durch ganz Deutschland gefahren. Die Alpen hätte ich mir gerne genau angesehen. Man soll wirklich nicht immer nur sparen und alles auf später verschieben. Das bringt nichts.”

Und ein Fazit? Er überlegt nicht lang. “Wir haben von meinem Bruder gesprochen. Von Willi, der im Krieg gestorben ist. Es klingt so abgedroschen, aber eigentlich geht’s nur darum, Krieg zu vermeiden. Manchmal wache ich nachts auf, liege im Bett und denke nach. Warum werden jetzt wieder junge Männer in die Welt rausgeschickt, um zu kämpfen…? Ich verstehe es nicht.”

Sigrid Mussel (71) geht es da ganz genauso. “Ich war damals ein Kind. Sieben Jahre alt war ich, als wir aus Ostpreußen geflohen sind. Ich habe erlebt, wie meine 17-jährige Schwes-ter von den Russen mitgenommen wurde. Von diesen Bildern habe ich mich nie wieder erholt. Mein Vater ist auch im Krieg geblieben. Das alles hat mein Leben sehr schwer gemacht.”

Sie hat viel gearbeitet, mehrere Stellen als Schneiderin gehabt, aber schon mit Anfang 50 muss sie in Rente gehen. “Ich habe auch nie geheiratet, ganz bewusst, weil ich es für das Beste hielt. Das alles, weil ich mein Leben lang mit der Gesundheit zu kämpfen hatte. Mit meiner Hüfte, aber vor allem mit meinen Nerven. Diese Erlebnisse damals auf der Flucht haben meiner Seele zu sehr zugesetzt. Deshalb denke ich, können junge Menschen aus meinem Leben nur eine wirkliche Lehre ziehen: Nie wieder Krieg.” (NRZ)
Fünf Leben, fünf Schicksale, fünf Lehren: Erna Kiefer (oben), Josef Brinkmann, Sigrid Mussel, Armand Oellers

NRZ vom 15.03.2008: WÜRDE FÜR DORNRÖSCHEN

Montag, 14. April 2008

Friederike Döbbe (15) half erstmals im Altenpflegeheim. Sie arbeitete in der Frühschicht - und lief nicht davon.

„Dornröschen” schlurft über den Flur zum Speiseraum, setzt sich an den gedeckten Tisch, nimmt einen Happen von „Himmel und Erde”, kaut, steht auf, wandert zurück zu ihrem Zimmer. Zwei Minuten später taucht sie wieder auf, nimmt erneut einen Mund voll Kartoffelpüree und gebratener Blutwurst, um dann zu verschwinden. Das wiederholt sich - bis Dornröschen satt ist oder einfach nicht mehr will. Den märchenhaften Spitznamen bekam die 76-Jährige vom Pflegepersonal, weil sie so viel schläft. Diese Zuwendung, das Mittagessen in Raten, das ja Zeit und Geduld kostet, ist außergewöhnlich und normal zugleich im Marienhaus an der Ottilienstraße. Das katholische Altenwohn- und Pflegeheim „ist ein Beispiel dafür, dass auch der letzte Lebensabschnitt schön sein kann”.Das ist keine Eigenwerbung aus dem Hausprospekt. Das sagt Friederike Döbbe, 15 Jahre alt, Schülerin des Theodor-Heuss-Gymnasiums in Kettwig. Sie hat noch nie ein Altenpflegeheim von innen gesehen. Bis zu jenem Morgen im März, als sie sich, auf Wunsch der NRZ, gerne auf die Teilnahme an einer Frühschicht im Heim einlässt. Wohnbereichsleiterin Svenja Grevenhaus (29) nimmt sie an die Hand wie einen neuen Praktikanten. Dabei geschieht Erstaunliches.Es ist 6.30 Uhr, für Schülerin und Journalistin ein schrecklich früher Arbeitsbeginn. Im Aufenthaltsraum der Mitarbeiterinnen verschafft sich Svenja Grevenhaus einen Überblick über den Wohnbereich „Barbara” mit 24 von den insgesamt 112 Heimplätzen, davon zehn für Kurzzeit-Aufnahmen. „Hier oben war es ruhig in der Nacht, alle haben geschlafen.” Und los geht’s mit Friederike, „Fritzi”, Döbbe. Sie bindet sich eine rosafarbene Pflegeschürze um, desinfiziert sich die Hände. Dann die Begegnung mit der ersten Bewohnerin, Klara S.*. Die 89-Jährige ist mobil, wäscht sich allein. „Ich will noch alles selbst können.” Friederike schiebt den Toilettenstuhl ins Bad, der nachts am Bett steht. Dann erklärt ihr Svenja Grevenhaus, wann das verstellbare Bett auf Arbeitshöhe steht. „Die Arme hängen runter, die Fingerspitzen berühren die Matratze.” Weiter ins nächste Zimmer zu Elisabeth H. „Ich möchte für mich allein bleiben, ich bin krank, mir ist schwindlig”, klagt sie. Ach was, „komm Elli”, ermuntert sie Svenja Grevenhaus, die weiß, dass die 91-Jährige „eher ein bisschen leidend und depressiv” ist. Friederike reicht Wasser, stellt das Bett herunter, gibt Elisabeth H. einen Waschlappen in die Hand, hilft beim Anziehen, legt ihr Armband und Perlenkette an. Schnell passt sie sich mit aufmerksamen Blicken den Arbeitsabläufen an. Und die schmuck aussehende Elisabeth H. mag Friederike. Anschließend trifft die Schülerin auf Gerda Plinke. „Hallo, ich bin die Friederike”, beugt sich die 15-Jährige über die im Bett liegende 86-Jährige und streichelt ihren Arm. Sie weiß von der Wohnbereichsleiterin, dass die alte Dame Körperkontakt mag. „Haben Sie gut geschlafen?” „Ja!”. Mit wachem Blick beobachtet Frau Plinke das (noch) fremde Wesen. Die altersverwirrte Frau wird gewaschen und angezogen. Und schon da funkt irgendetwas zwischen Jung und Alt. Um 9 Uhr ist Frühstück im Gemeinschaftsraum. Friederike reicht Gerda Plinke Wasser und Kaffee und füttert sie behutsam mit in Häppchen geschnittenem Marmeladen-Weißbrot. In Fachsprache heißt das „Essen reichen”. 30 Minuten später ist Zeit für die Mitarbeiterpause. Viele gehen zum Rauchen raus, fällt Friedrike auf. Am Tisch erzählen die meist weiblichen Pflegekräfte aus dem Alltag. Da ist es ihnen erfreulicherweise gelungen, einen Bewohner in der Kurzzeitpflege in sitzende Position zu bringen. „Der sitzt sonst nie, beschwerten sich Angehörige”, wie Svenja Grevenhaus deren Reaktion schildert. „Kann der Arzt das nicht anordnen?”, fragt Friederike. Nein, höchstens empfehlen. Zurück zu Elisabeth H., der Svenja Grevenhaus am Vormittag die Fingernägel schneidet. Auf dem Tisch steht ein Foto vom süßen Enkel. Wie heißt er? „Hab’ ich vergessen. Wenn man nicht ständig damit zu tun hat…”, sagt die Bewohnerin. Das lässt Svenja Grevenhaus so stehen. Sie ist so ein Mensch, der für die Pflege gemacht ist. Die 29-Jährige findet die richtigen Worte, nimmt Anteil, hat Humor und ist so leicht nicht aus der Ruhe zu bringen. Da fegt ein Bewohner am Rollator aufgeregt ins Mitarbeiterzimmer. Ein Postbote brachte gerade ein Paket. „Gucken Sie mal”, zeigt er Svenja Grevenhaus ein Programm für einen Computerführerschein. „Ich hab doch gar keinen Computer”, sagt der Mann. „Stimmt”, antwortet Svenja Grevenhaus trocken. Der Mann hat schon vieles bestellt, vom Porno bis zum Entsafter… „Wir kochen auch nur mit Wasser”, sagt die Wohngruppenleiterin. Und an manchen Tagen sei die Besetzung auch mal schlecht. Aber eben nur manchmal. Der Anteil an Pflegefachkräften liegt bei 60 bis 65 Prozent, so Marienhaus-Chef Georg Bonerz. Normal sind 50 Prozent. Das Haus erkämpft sich diesen Status immer aufs Neue, scheut nicht den Klageweg, um eine Höhereinstufung in der Pflegestufe zu erreichen, was mehr Geld bedeutet. Zur Mittagszeit sind Friederike und Gerda Plinke schon ein eingespieltes Team. Die alte Frau strahlt und genießt die Nähe der 15-Jährigen. Man könnte denken, sie kümmere sich um die eigene Großmutter.

Friederike hat in wenigen Stunden viel gesehen, gefühlt, gehört – faltige Haut, Arthrose-verformte Füße, Verwirrtheit, Stummsein, Vergänglichkeit. Dennoch: Die Schülerin ist angenehm von der „familiären Atmosphäre” im Marienhaus überrascht. „Die Mitarbeiter geben sich Mühe, das wirkt nicht aufgesetzt.” Aber auch dies soll nicht verschwiegen werden: Fritzi sah etliche „schwierige Fälle auf einen Haufen. Das sind alles Menschen, die früher mal selbstständig gelebt haben” und dies nicht mehr können. „Das ist auch schockierend.”Einen Pflegeberuf wird Friederike Döbbe wohl nicht ergreifen. Aber sie überlegt laut: „Vielleicht fahre ich nochmal ins Marienhaus zu Besuch…”* Namen sind der Redaktion bekannt.

WDR-Mediathek, Felix das Therapieschwein

Montag, 7. April 2008

Felix ist Deutschlands einziges Therapie-Schwein. Mit seinem Herrchen, dem Physiotherapeuten Daan Vermeulen, besucht er Gelsenkirchener Krankenhäuser. Ihm gelingt, was Ärzte und Medikamente oft nicht schaffen.

Der Westdeutsche Rundfunk begleitet Felix bei seinem Auftritt im Marienhaus Essen.

Folgen Sie dem unten stehenden Link um sich Felix im Marienhaus anzuschauen:

http://www.wdr.de/mediathek/html/regional/2008/03/28/loke_02.xml