ESSEN. Sie alle kennen das Leben nur zu gut. Aus langjähriger Erfahrung sozusagen. Die Fünf sind zwischen 71 und 86 Jahre alt, sie wohnen allesamt im Marienhaus in Essen, in einem Altenwohn- und Pflegeheim. Und sie haben sich bereit erklärt, für die NRZ auf Spurensuche zu gehen. Eine Suche in der eigenen Vergangenheit. Was lief falsch? Was habe ich richtig gemacht? Was können jüngere Menschen aus meinem Leben lernen? Was ist wirklich wichtig?
Erna Kiefer ist 82, und sie macht beim Interview den Anfang. Was zu ihr passt, denn sie ist eine Frau der Tat. Musste sie immer sein. Schon ganz früh. Sie lernt in Schlesien Verkäuferin, muss dann aber als 18-Jährige in Ostpreußen Panzergräben verschanzen, mit Glück gelingt die Flucht. “Fast wäre ich auf der Gustloff gelandet”. Sie schafft es in den Westen, mutterseelenallein. Die Familie ist verschollen, der Verlobte verschleppt. “Ich habe bei Bauern gearbeitet, in Fabriken. Was eben kam, ich musste mich am Leben halten.”
1949 kehrt der Verlobte aus der sowjetischen Kriegsgefangenschaft zurück. Sie heiraten, die Tochter wird geboren. Der Mann geht arbeiten. Erna Kiefer bleibt daheim. “Hier würde ich heute die Weichen anders stellen. Ich hätte gerne wieder als Verkäuferin gearbeitet. Aber mein Mann war dagegen. Der wollte das Essen auf dem Tisch stehen haben, wenn er nach Hause kam. Dafür hätte er schließlich geheiratet, sagte er immer.” So war das damals. Sie lacht. Und hat doch einen Rat an junge Frauen: “Lasst Euch nicht unterbuttern. Ich find’s klasse, wie sich die Mädchen heute durchsetzen. Dass darf nur nicht auf Kosten der Kinder geschehen.”
Noch etwas ist ihr wichtig, ein Appell an alle Jüngeren: “Lebt im Jetzt. Wenn ihr gerne reisen wollte, macht es. Mein Mann hat immer gesagt: Später, später. Und was ist später? Jetzt sitze ich hier im Altenheim. Und von allem, wofür ich gearbeitet habe, was wir angeschafft haben, ist nur noch ein klein wenig geblieben. Deshalb: Verzichtet auf nichts. Unter nur einer Bedingung. Niemals Schulden machen, denn die lassen dich einfach nicht ruhig schlafen.”
Armand Oellers (76) sitzt im Rollstuhl. Drei Schlaganfälle hat der gebürtige Essener überlebt, seine rechte Seite ist gelähmt, sein Lebensmut nicht. “Auch wenn ich weiß, dass ich hier nicht mehr rauskomme.” Er hat sich lange damit beschäftigt, warum er heute so krank ist, und er denkt, dass Jüngere daraus Lehren ziehen können. “Ich war in meinem Beruf als Buchhalter immer sehr zielstrebig. Ich habe 150 Prozent gegeben. Ich war bekloppt. Aber ich muss auch sagen, ich wollte es ja so. Ich habe Zahlen immer geliebt, das Arbeiten damit. Ich habe also auch beruflich das Leben gelebt, das ich immer leben wollte. Das ist wichtig. Dafür würde ich auch wieder das gesundheitliche Risiko eingehen. ”
Nicht so aber in einem anderen Punkt. “Ich habe bis zu 60 Zigaretten jeden Tag geraucht. Kette. Im Büro hatte ich gleichzeitig in verschiedenen Aschen- bechern eine Kippe liegen. Erst mit Mitte 40 war ich schlau genug und habe aufgehört. Ich habe das dann mal ausgerechnet: 6000 Mark habe ich jedes Jahr verqualmt. Nie wieder würde ich etwas derart Dummes tun.”
Irmgard Schwittai (86) ist die Älteste in der Runde. Auch sie wurde in Essen geboren, auch sie vom Krieg geprägt. In einer Bombennacht verliert die Familie alles. Und beim Wiederaufbau geht Irmgard wohl auch deshalb einen folgenschweren Kompromiss ein. “Ich habe meinen ersten Mann geheiratet, weil ich dachte, er passt gut zu meinem Vater, dass er mit ihm gemeinsam das Geschäft wieder aufbauen könnte. Er sah gut aus, aber ich habe ihn nicht geliebt, ich habe auch nicht bemerkt, dass er ein Filou ist.”
Ihre Tochter wird geboren, die Familie zieht nach Südafrika, der Mann baut als Architekt zwei Kirchen nahe Kapstadt. “Aber ich habe mich dort niemals wohlgefühlt. Nicht wegen der Menschen, das Land war mir zu kalt.” Sie lässt sich scheiden, auch eine zweite Ehe scheitert. “Kann ein junger Mensch daraus etwas lernen? Ich glaube nicht. Das waren so völlig andere Zeiten. Jedes Leben ist doch wieder anders. Ich finde es zwar gut, wie selbstständig junge Frauen heute sind. Aber sie tun mir auch leid, weil sie immer stärker werden müssen.”
Josef Brinkmann (77) hat viele Jahre in Essen als Dekorateur gearbeitet. “Hatte ich mir auch nicht ausgesucht. Das war der Beruf meines Bruders, der im Krieg gefallen war, also war das Handwerkszeug da, also habe ich das gemacht. Eigentlich wäre ich lieber Elektriker geworden. Was soll’s. Viel mehr ärgere ich mich heute, dass ich so wenig gereist bin. Ich wollte nicht weit ins Ausland, aber ich wäre gerne mal längere Zeit durch ganz Deutschland gefahren. Die Alpen hätte ich mir gerne genau angesehen. Man soll wirklich nicht immer nur sparen und alles auf später verschieben. Das bringt nichts.”
Und ein Fazit? Er überlegt nicht lang. “Wir haben von meinem Bruder gesprochen. Von Willi, der im Krieg gestorben ist. Es klingt so abgedroschen, aber eigentlich geht’s nur darum, Krieg zu vermeiden. Manchmal wache ich nachts auf, liege im Bett und denke nach. Warum werden jetzt wieder junge Männer in die Welt rausgeschickt, um zu kämpfen…? Ich verstehe es nicht.”
Sigrid Mussel (71) geht es da ganz genauso. “Ich war damals ein Kind. Sieben Jahre alt war ich, als wir aus Ostpreußen geflohen sind. Ich habe erlebt, wie meine 17-jährige Schwes-ter von den Russen mitgenommen wurde. Von diesen Bildern habe ich mich nie wieder erholt. Mein Vater ist auch im Krieg geblieben. Das alles hat mein Leben sehr schwer gemacht.”
Sie hat viel gearbeitet, mehrere Stellen als Schneiderin gehabt, aber schon mit Anfang 50 muss sie in Rente gehen. “Ich habe auch nie geheiratet, ganz bewusst, weil ich es für das Beste hielt. Das alles, weil ich mein Leben lang mit der Gesundheit zu kämpfen hatte. Mit meiner Hüfte, aber vor allem mit meinen Nerven. Diese Erlebnisse damals auf der Flucht haben meiner Seele zu sehr zugesetzt. Deshalb denke ich, können junge Menschen aus meinem Leben nur eine wirkliche Lehre ziehen: Nie wieder Krieg.” (NRZ)
Fünf Leben, fünf Schicksale, fünf Lehren: Erna Kiefer (oben), Josef Brinkmann, Sigrid Mussel, Armand Oellers