Leserbief aus dem Ruhrwort vom 17.11.2007: DIE GUT GEMEINTE HILFE IN DER PFLEGE KANN GERADE DAS GEGENTEIL BEWIRKEN
Dienstag, 20. November 2007Zu RW41: ” Die Kehrseite der Medaille - Marienhaus macht mit Demonstration auf Zustände in der Altenpflege aufmerksam.” Und dazu RW 43: “Sich selbst Fragen” (Pro und Contra)
Herr Mertens fordert, ein jeder von uns solle sich zunächst einmal angesprochen fühlen zu prüfen, ob es nicht manches, das als Missstand in der Altenpflege angeprangert wird, von uns übernommen werden kann (z.B. Hilfe beim Essen, persönliche Zuwendung, Wäsche waschen u.a.), ohne direkt nach der Hilfe des Staates zu rufen. Ich will Herrn Mertens nicht absprechen,, dass er Gutes im Sinne hat. Aber es ist doch recht naiv zu glauben, mit diesem Betreuungszuwendungen die Grundprobleme der kränkelnden Alten-/ Krankenpflege heilen zu können.
Im übrigen sind derartige Dienste, wie sie Herr Mertens vorschlägt, für die Angehörigen der Pflegepersonen selbstverständlich - soweit sie sie leisten können - wie ich aus eigenen Erfahrungen weiß.
Ich habe als Betreuer einer Pflegebedürftigen, die im Marienhaus bis zu ihrem Tode gelebt hat, Erfahrungen gesammelt und erlebe gerade jetzt erneut den notwendigen Pflegefall meiner Schwiegermutter, wiederum im Marienhaus.
Ich darf meine Vermutung zum Ausdruck bringen, dass Herr Mertens die eigentlichen Probleme der Alten- und Krankenpflege nicht kennt.
Nein, Herr Mertens, der “Sonntagsdienst in weißen Schürzen”, bereits vor Jahrzehnten von jungen Mädchen (damals vornehmlich in Krankenhäusern) geleistet, hat der Pflege auch nicht aus der Patsche geholfen. Sie war wohl eine gute Erfahrung für die jungen Menschen selbst, hat sich allerdings als eine zusätzliche Belastung für das Pflegefachpersonal herausgestellt.
Die gut gemeinte Hilfe in der Pflege, selbst von Angehörigen, einmal abgesehen von z.B. Handreichungen beim Essen bettlägeriger Pflegepersonen, kann gerade das Gegenteil bewirken und die Pflege des Fachpersonals erschweren.
Ich gebe auch gleich von vornherein zur Kenntnis, dass ich die Kritik der Geschäftsführung des Hauses sowohl an der Praxis gesetzlicher Organe der Altenpflege als auch an der finanziellen Situation teile. Ich finde es auch richtig, mutig und notwendig, mittels einer Demonstration die Missstände in der Öffentlichkeit bekannt zu machen. Es ist halt die traurige Erfahrung, dass niemand an den maßgeblichen Stellen auf sachliche Argumente und warnende Hinweise, auf üblichem bürokratischen Wege vorgetragen, je positiv reagieren wird. Öffentliches Auftreten ist heute angesagt, je massiver um so besser. Man muss unangenehm werden und möglichst viele einsichtige Menschen hinter sich bringen, um Erfolg zu haben - leider!
Erfolgreiche Pflege kann es nur von gut geschultem Fachpersonal in hiermit ausreichend ausgestatteten Heimen geben. Dazu erschöpft sich Pflege nicht nur in der Körper- uznd Gesundheitspflege. Sie muss den ganzen Menschen beachten, je nach geistiger, seelischer, körperlicher Verfassung, soll der Würde des Menschen ganz entsprochen werden. Auch alte, kranke und behinderte Menschen wollen noch nach ihren Möglichkeiten leisten und am gesellschaftlichen Leben teilhaben. Dies bedarf weiteren speziell ausgebildeten Fachpersonals, entsprechende Materialien und Einrichtungen. Der Respekt vor der Würde des Menschen verträgt sich nicht mit dem Charakter einer Verwahranstalt vergangener Zeiten. Das Marienhaus ist gerade ein sehr gutes Beispiel dafür, wie fachgerechte menschenwürdige Alten-/Krankenpflege durchgeführt wird.
Dass dieses möglich gemacht wird neben dem ständigen Kampf um leistungsgerechte Finanzierung durch die Kranken-/Pflegekassen und ihrem Kettenhund MDK, muss besonders anerkannt werden. Denn dieser fordert noch dazu einen unerträglichen Zeit- und Kräfteaufwand an Papierkrieg, der die eigentliche Aufgabe , die Pflege, erheblich belastet.
Es ist ein nicht hinzunehmendes Armutszeugnis unsere sich ach so fortschrittlich gebenden Gesellschaft und deren politischen Organe, dass stets ihre schwächsten Glieder bzw. deren Betreuer einen ständigen Kampf führen müssen um die Zuteilung der erforderlichen Mittel für die Gestaltung menschenwürdigen Daseins der ihnen Anvertrauten, das ja (theoretisch) auch im Grundgesetz garantiert wird.
Eine Gesellschaft hat den Wert, den sie analog ihren Kindern, sozial Schwachen, Kranken und Alten an Förderung, Fürsorge und Schutz angemessen angedeihen lässt. Und dies muss zunächst von ihrer Politik und deren Ordnungssystemen in ausreichendem Maße gewährleistet werden. Private und ehrenamtliche Initiativen können nur eine mögliche Ergänzung sein.
Ich halte es demnach also für äußerst arrogant und anmaßend, dass Herr Mertens es als “pharisäerhaftes und polemisches” Verhalten brandmarkt, wenn die Betroffenen und ihre Betreuer sich gegen die Vernachlässigung öffentlich zur Wehr setzen und ihre Stimme laut erheben.
Zudem würde ich gerne wissen wollen, ob Herr Mertens all das ehrenamtliche selbst praktiziert, was er zur Abhilfe der Pflegeproblematik vorschlägt.
von Klaus vorm Walde, Essen