Archiv für September 2006

Zweite bundesweite Nachdenkaktion der Altenhilfe zieht positives Resümee

Freitag, 8. September 2006

Essen. Am 1.9.2006 war es wieder so weit. Pünktlich ab 9 Uhr versammelten sich Mitarbeiter, Bewohner, Angehörige und Interessierte vor dem Alten- und Pflegeheim “Marienhaus” in Essen und wiesen gemeinsam auf die vielfältigen Problemfelder in der Pflege hin.

Im Mittelpunkt der diesjährigen Nachdenkaktion stand dabei vor allem die Einstufungspraxis des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK). Kritisiert wird eine tendenziell zu niedrige Einstufung meist sehr pflegebedürftiger Menschen, was zu einem unausgewogenen Verhältnis zwischen Bewohnern und der Anzahl der vorhandenen Mitarbeiter im Pflegebereich führt. Die Folge können handfeste wirtschaftliche aber vor allem menschliche Probleme sein. Das RWI Institut in Essen berichtet in seiner neuesten Studie, dass 16% aller Altenheime insolvenzgefährdet sind und rund 15% in der Stufe davor stehen.

Das Essener Marienhaus hat dieses Problem nicht, da es seit Jahren sofort gegen fragwürdige Einstufungen Widerspruch einlegt. Die Folge ist ein überdurchschnittlicher Personalschlüssel, zufriedene Bewohner, Angehörige und Mitarbeiter. Georg Bonerz und Hubertus Volmer, Mitinitiatoren der Nachdenkaktion und Leiter des Essener Marienhauses wollen erste Zeichen einer zunehmenden Solidarisierung und Sensibilisierung für die Problemfelder in der Altenpflege vernommen haben: “Wir können ein außerordentlich positives Resümee ziehen. Kollegen und Mitarbeiter aus vielen Städten im gesamten Ruhrgebiet bis rüber nach Rheinland-Pfalz und Niedersachsen sowie das Westfälische Münsterland haben sich mit der Nachdenkaktion solidarisch gezeigt. Eine gemeinsame nächste Aktion wird zurzeit für den 29.9.06 geplant.”

Interessante Resonanzen hat die Nachdenkaktion auch in den Medien ausgelöst. Redakteure berichten über eine große Zahl von Leserbriefen und Emails zum diesjährigen Kernthema „Einstufungsproblematik“. Auch Wohlfahrtsverbände wie das Deutsche Rote Kreuz und die Arbeiterwohlfahrt haben die Notwendigkeit für eine gemeinsame strategische Stoßrichtung erkannt und sind herzlich eingeladen, sich an der nächsten Nachdenkaktion aktiv zu beteiligen.

Beitrag im Essener RUHRWORT vom 02.09.06

Freitag, 8. September 2006

Gerechter Zorn -
„Marienhaus“ prangert desolate Situation in der Altenpflege an



Schon vor einem Jahr gingen die Bewohner und Mitarbeiter des Marienhauses auf die Straße, um gegen die desolate Situation in der Altenpflege zu demonstrieren. Doch geändert hat sich bisher nichts. Jetzt läuft neuer Protest an.

Von Ulrich Engelberg

Freitag, 1. September, Katholisches Altenwohn- und Pflegeheim „Marienhaus“ in Essen. Wer würde nicht erwarten, dass es hier eher ruhig und beschaulich zugeht? Doch an diesem Tag ist es anders. Es wird demonstriert – und das ist eigentlich noch zu wenig gesagt. Es wird protestiert. Bewohner und Mitarbeiter des Hauses sind „sauer“. Deshalb gehen sie auf die Straße, suchen die Öffentlichkeit. Sie prangern eine desolate Situation in der Altenpflege an und haben Angst, dass es noch schlimmer kommt. „Die Situation ist zum Fürchten“, sagen Georg Bonerz und Hubertus Volmer, die Geschäftsführer des Altenheims, übereinstimmend. „Bundesweite Nachdenkaktion der stationären und ambulanten Altenhilfe“ ist das Ganze überschrieben. Es handelt sich um eine zweite Runde. Vor einem Jahr fand schon eine statt. „Doch bisher hat sich nichts verändert“, auch da sind sich Bonerz und Volmer einig. „Deshalb wird jetzt gekämpft.“

Was steht eigentlich hinter diesem „gerechten Zorn“ – und warum steht das Marienhaus in der ersten Reihe? Gute Fragen. Denn eines ist unstrittig: Es geht nicht um die konkrete Situation und Pflege in diesem katholischen Altenheim. Es ist mehrfach geprüft worden – mit hervoragendem Ergebnis. Also müssen die Motive auf einer anderen Ebene liegen. „Pflege verkommt immer mehr zur Bürokratie“, sagt Bonerz. Er will sich gar nicht mehr diplomatisch ausdrücken; er will dagegen angehen. „Allein wenn es um die Einstufung pflegebedürftiger Menschen in Pflegestufen geht, könnten ganze Anwaltskanzleien beschäftigt werden.“ Er spricht so aus, was sich vielleicht nicht gut anhört, aber der Wahrheit entspricht: Der Kampf um die Würde älterer Menschen in den Heimen ist längst zum Kampf ums Geld geworden. Das hängt mit den Pflegestufen zusammen. Je höher die Pflegestufe ist, desto mehr zahlt die Pflegekasse. Der Unterschied liegt pro Pflegestufe bei rund 20 Euro pro Tag. Da kommt eine ganze Menge zusammen. Je mehr Geld aber ein Heim bekommt, desto mehr Pflegepersonal kann eingestellt werden und desto besser ist die Pflege. „Wir wollen nur, was uns zusteht“, sagt Volmer, „nicht mehr, aber auch nicht weniger.“ Aber der Schlüssel, und allein darauf komme es an, sei die Bedürftigkeit der Menschen. Pflegen könne nicht jeder, und Ein-Euro-Jobs seien keine Lösung, denn nur Fachpersonal sichere eine gute Betreuung.

„Die Einstufung hat viel mit Ehrlichkeit zu tun“, ergänzt Bonerz, „und wir sind ehrlich.“ Mit einer ehrlichen Einstufung aber beginnen die Probleme. Das Marienhaus hat sie mit dem Medizinischen Dienst der Krankenkassen, abgekürzt MDK. Dieser stuft im Auftrag der Pflegekassen die Heimbewohner ein. Je niedriger die Stufen, desto weniger zahlt die Kasse. „Da werden unmögliche Entscheidungen getroffen“, sagt Bonerz. „Das lassen wir uns nicht gefallen.“ Deshalb ist er schon Dutzende Male vor das Sozialgericht gezogen, hat höhere Pflegestufen eingeklagt – und gewonnen. An diesem Punkt wird aus dem Protest ein konstruktiver Vorschlag. Für Bonerz und Volmer wäre es das Beste, den MDK ganz einzusparen. Weg von immer mehr bürokratischen Hemmnissen hin zu einer überprüfbaren, verantwortlichen Arbeit in den einzelnen Häusern. Gerne mit einem angestellten Hausarzt, der gemeinsam mit den Pflegekräften und der Hausleitung die Bewohner nicht nur in und auswendig kennt, sondern sie dann auch entsprechend ihrer Fähigkeiten den notwendigen Pflegestufen zuordnet. Wenn alles so bleibt wie es ist, daran lassen die Geschäftsführer des katholischen Alten- und Pflegeheims keinen Zweifel, werden „die Alten und Mitarbeiter weiter verschaukelt“ – auf Kosten einer menschenwürdigen Pflege. Deshalb sucht das Marienhaus die Öffentlichkeit und zur Not auch die Konfrontation. Deshalb geht es auf die Straße – an diesem Freitag und erneut am 29. September.

Berufsgenossenschaft für Gesundheits- und Wohlfahrtspflege (BGW) solidarisiert sich mit der Nachdenkaktion

Freitag, 8. September 2006

Bundesweite Nachdenkaktion der Altenhilfe

Innerhalb der zweiten bundesweiten Nachdenkstunde der stationären und ambulanten Altenhilfe kommen Bewohner, Mitarbeiter sowie alle Interessierten zu einem Gedankenaustausch vor ihren Einrichtungen zusammen und machen die Öffentlichkeit mit individuell gestalteten Aktionen auf die Situation der Altenpflege aufmerksam. Der Aufruf zum Mitmachen richtet sich insbesondere an die Basis der Pflege.
Homepage Berufsgenossenschaft für Gesundheits- und Wohlfahrtspflege

Diskussion über die Nachdenkaktion im Pflegenetz Forum

Freitag, 8. September 2006

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