Archiv für die Kategorie „Gemeinsam mitmachen!“

Menschenrechte lassen sich nicht ökonomisieren von Andreas Bik, Stiftung St. Ludgeri

Donnerstag, 16. November 2006

Die von meinem Kollegen Georg Bonerz aus dem Marienhaus initiierte „Nachdenkaktion“ macht deutlich, dass die Altenpflegeszene einem Pulverfass gleicht. Mittlerweile ist die viel gepriesene sog. 5. Sozialversicherungssäule in die Jahre gekommen und zeigt deutliche Schwachstellen. Sie droht – ähnlich wie die Rente und die Krankenversicherung – unter dem Druck der finanziellen und demographischen Entwicklung Risse zu bekommen. Als eine Vollversicherung war sie nie angedacht – aber der Teilkaskoanteil wird immer geringer und der Selbstbehalt immer größer. In Situationen ökonomischer Zwänge ist es verständlich, dass seitens der Politik und der Kostenträger Versuche unternommen werden, die Leistungen zu beschneiden. Dies darf aber nie soweit gehen, dass fundamentale, grundrechtlich gesicherte Rechte in Gefahr geraten. Eine Gesellschaft, die für sich in Anspruch nimmt, eine soziale Ausrichtung zu haben, darf es nicht zulassen, dass Menschenrechte verletzt werden und alte und pflegebedürftige Menschen unter menschenunwürdigen Verhältnissen leben müssen. Es ist daher zu begrüßen, dass eine Expertengruppe eine Charta der Rechte hilfe- und pflegebedürftiger Menschen erarbeitet hat. Diese Charta könnte hilfreich sein, wenn sich alle Beteiligten – die Politik, die Kostenträger und die Heime - daran orientieren und die dort postulierten Rechte zu einem verbindlichen Maßstab erklären. Die Charta umfasst die nachfolgenden 8 Artikel.

Artikel 1: Selbstbestimmung und Hilfe zur Selbsthilfe

Jeder hilfe- und pflegebedürftige Mensch hat das Recht auf Hilfe zur Selbsthilfe sowie auf Unterstützung, um ein möglichst selbstbestimmtes und selbstständiges Leben führen zu können.

Artikel 2: Körperliche und seelische Unversehrtheit, Freiheit und Sicherheit

Jeder hilfe- und pflegebedürftige Mensch hat das Recht, vor Gefahren für Leib und Seele geschützt zu werden.

Artikel 3: Privatheit
Jeder hilfe- und pflegebedürftige Mensch hat das Recht auf Wahrung und Schutz seiner Privat- und Intimsphäre.

Artikel 4: Pflege, Betreuung und Behandlung
Jeder hilfe- und pflegebedürftige Mensch hat das Recht auf eine an seinem persönlichen Bedarf ausgerichtete, gesundheitsfördernde und qualifizierte Pflege, Betreuung und Behandlung.

Artikel 5: Information, Beratung und Aufklärung
Jeder hilfe- und pflegebedürftige Mensch hat das Recht auf umfassende Informationen über Möglich-keiten und Angebote der Beratung, der Hilfe, der Pflege sowie der Behandlung.

Artikel 6: Kommunikation, Persönliche Zuwendung und Teilhabe an der Gesellschaft
Jeder hilfe- und pflegebedürftige Mensch hat das Recht auf Wertschätzung, Austausch mit anderen Menschen und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben.

Artikel 7: Religion, Kultur und Weltanschauung
Jeder hilfe- und pflegebedürftige Mensch hat das Recht, seiner Kultur und Weltanschauung entsprechend zu leben und seine Religion auszuüben.

Artikel 8: Palliative Begleitung, Sterben und Tod
Jeder hilfe- und pflegebedürftige Mensch hat das Recht, in Würde zu sterben.

Wenn diese Charta wirklich verbindlicher Maßstab werden sollte, dann setzte dies einerseits sozial-politische Konsequenzen voraus, um auch tatsächlich die Rahmenbedingungen zu schaffen, die eine Umsetzung und Erfüllung ermöglichen – aber gleichzeitig ergäben sich auf der anderen Seite hieraus dann auch strafrechtliche und zivil-rechtliche Folgen für Heime, die hiergegen verstoßen. Eigentlich sollte dies auch schon heute in einem Staat so sein, der als Rechtsstaat bezeichnet wird. Dies ist aber leider nicht immer so – denn es gibt sicher in manchem Heim auch täglich vielfältiges Leid, das nicht entsprechend geahndet wird. Hier-gegen möchte die oben erwähnte Aktion ein Zeichen setzen. Es ist wichtig, dass endlich wieder mehr Vertrauen in die Pflege und die hierfür Verantwortlichen gesetzt wird und sich das Bild in der Öffentlichkeit von den negativen Vorurteilen befreit. Dazu gehört natürlich auch, dass die Diskussion um die Kosten der Pflege endlich offen und ehrlich geführt wird. Gute Pflege ist nicht zum Nulltarif zu haben. Die Menschenrechte dürfen nicht auf dem Altar ökonomischer Zwänge geopfert werden.

A. Bik

Das ist das Mindeste - Altenheime protestieren gegen Kürzungspläne

Mittwoch, 15. November 2006

Beitrag aus den Werdener Nachrichten vom 29.09.2006.

“Es gibt eigentlich nichtz zu sparen”, sagt Andreas Bik, Verwaltungsleiter des Alten- und Pflegeheims Ludgeri-Stiftung: und deshalb geht er morgen mit Kollegen auf die Straße: genaugenommen vor das Rathhaus. Sie wollen gemeinsam informieren, welche fatale Richtung die Politik in der Republik, aber besonders in Essen nimmt: “Alle Sparversuche gehen davon aus, dass es Möglichkeiten gibt”. Dabei müsse man endlich zu einer menschengerechteren und abgesicherten Pflege kommen…

Lesen Sie den vollständigen Beitrag, indem Sie diesen Link anklicken

Berufsgenossenschaft für Gesundheits- und Wohlfahrtspflege (BGW) solidarisiert sich mit der Nachdenkaktion

Freitag, 8. September 2006

Bundesweite Nachdenkaktion der Altenhilfe

Innerhalb der zweiten bundesweiten Nachdenkstunde der stationären und ambulanten Altenhilfe kommen Bewohner, Mitarbeiter sowie alle Interessierten zu einem Gedankenaustausch vor ihren Einrichtungen zusammen und machen die Öffentlichkeit mit individuell gestalteten Aktionen auf die Situation der Altenpflege aufmerksam. Der Aufruf zum Mitmachen richtet sich insbesondere an die Basis der Pflege.
Homepage Berufsgenossenschaft für Gesundheits- und Wohlfahrtspflege

Nachdenkaktion in Essen Steele

Donnerstag, 8. September 2005

Pflege braucht mehr Anerkennung und Unterstützung
Offensive im Ev. Altenzentrum Essen-Steele

Sie sind zwar nur ein paar Schritte weit auf die Strasse gegangen, die Bewohner und die Mitarbeiter des Ev. Altenzentrums Essen-Steele, aber sie haben sich getraut, ein Zeichen zu setzen. Mit ihrer Aktion wollten und wollen sie aufmerksam machen auf die Situation in der Pflege heute und morgen.

Zu wenig Mitarbeiter, zu wenig Zuwendung, sagen die Bewohner. Zu viel Bürokratismus, zu wenig Zeit für die Bewohner, sagen die Mitarbeiter. Und in gleicher Weise äußern sich die Bewohner und Mitarbeiter anderer Pflegeeinrichtungen, die am vergangenen Donnerstag in Essen und über Essen hinaus zu einer „Nachdenkaktion“ aufgerufen hatten.

In den zurückliegenden Jahren hat sich die „Pflegelandschaft“ gravierend verändert. In den Pflegeeinrichtungen wohnen heute schwerstpflegebedürftige, überwiegend dementiell erkrankte alte Menschen mit einem erheblichen Mehrbedarf an Pflege und Betreuung. Veränderungen in der Klientel haben in all den Jahren jedoch nicht zu einer Verbesserung des Personalschlüssels geführt. Im Gegenteil.

Wie in der Vergangenheit wird die Anzahl der Pflegekräfte durch die Festlegung der Pflegestufen definiert. Einstufungen in eine Pflegestufe aber sind heute mit einem äußerst umfangreichen Nachweisverfahren verbunden, an dessen Ende nicht einmal immer die an sich notwendige Pflegestufe steht. Das kostet Zeit. Zeit, die die Pflegekräfte nicht haben, denn ganz nebenbei haben sie noch einen Wust gesetzlicher Bestimmungen und Verordnungen zu bewältigen. Und dann sind da noch die Bewohner.

Mit dem Drehen an ein paar Stellschrauben ist es aber sicher nicht getan, die Situation in der Pflege zu verbessern. Auch Modellprojekte, runde Tische, Handlungsempfehlungen und 10-Punkte-Programme helfen auf Dauer nicht weiter.

Gesellschaft und Politik, Kostenträger und Aufsichtsbehörden und jeder einzelne sind aufgerufen, über Pflege und Betreuung alter Menschen in unserer Stadt und in unserer Gesellschaft (erneut) nachzudenken. Und zu handeln.

Soviel steht fest: Pflegekräfte befinden sich unter den gegebenen Bedingungen zunehmend am Ende ihrer Kraft. Sie wollen die Senioren pflegen, nicht die Bürokratie.