Kommentar von Prälat Alfons Henrich,Direktor des Caritasverbandes für die Diözese Speyer: CHRISTEN MÜSSEN IHRE STIMME ERHEBEN
Donnerstag, 3. Juli 2008“Pflege-Alarm. Die Helfer brauchen Hilfe.” Mit diesem Appell wandten sich die niedersächsischen Caritasverbände und Bischöfe im März an die Öffentlichkeit. Der Appell ließ aufhorchen. In dieser Deutlichkeit war die schwierige Lage von ambulanten Pflegediensten und Altenheimen bisher selten angesprochen worden. Die Pflege war bisher eher dafür bekannt, alles geduldig hinzunehmen. Der Appell aus Niedersachsen steht für das Gegenteil. Pflegedienste und Altenheime legen den Finger in die Wunde. Sie zeigen auf, was der Sparkurs in der Sozialpolitik für die Betroffenen bedeutet.
Der Protest aus Niedersachsen ist ungewohnt. Doch er ist richtig. Auch in anderen Bundesländern werden Caritas-Pflegedienste und Altenheime auf eine Bahn gezwungen, die mit dem christlichen Verständnis von Altenhilfe und Pflege immer weniger vereinbar ist. Wenn eine Mitarbeiterin in einem katholischen Altenheim zehn Bewohner gleichzeitig zu betreuen hat, darunter immer mehr Menschen mit einem sehr hohen Pflegebedarf, ist die Grenze dessen, was alten Menschen und Pflegekräften zugemutet werden kann, eindeutig überschritten. Als Christen haben wir eine am Evangelium orientierte Vorstellung davon, welchen Umgang die Gesellschaft alten Menschen schuldig ist. Die Sozialpolitik entfernt sich davon immer mehr. Es ist an der Zeit, dem Ausverkauf der Menschlichkeit entgegenzutreten.
Eine Caritas, die gegen diese Fehlentwicklung ihr Stimme erhebt, handelt im Interesse alter Menschen die von Caritas-Pflegediensten und Altenheimen zu Recht erwarten, dass man ihnen mit Zeit und Aufmerksamkeit begegnet. Sie handelt im Interesse von Mitarbeitern, die ihren Beruf gewählt haben, um für alte Menschen da zu sein. Nicht nur für den Körper, sondern für den ganzen Menschen. Sie wollen das Leben alter Menschen mit Wärme und Zuwendung füllen - nicht die Aktenordner der Kranken- und Pflegekassen mit Protokollen und Papier. Auch die Träger von Pflegediensten und Altenheimen erwarten den Protest der Caritas, wo Kostenträger Qualität fordern, aber nicht bezahlen. Wer seine Mitarbeiter nach Tarif vergütet, darf am Ende nicht als Verlierer dastehen.
In einer demokratischen Gesellschaft ist es legitim, für seine Interessen zu streiten. Die ansonsten gewohnte katholische Zurückhaltung wäre hier fehl am Platz. Andere gesellschaftliche Gruppen, von den Ärzten über die Lokführer bis hin zu den Milchbauern, haben uns vorgemacht, wie man seine Anliegen im öffentlichen Meinungsstreit wirksam behauptet. Die Pflege steht vor der Aufgabe, klar und deutlich zu benennen, wo die Probleme liegen. Sie muss erklären, dass eine Fortsetzung des Sparkurses untragbare Zustände heraufbeschwört und zu christlichen Grundwerten immer stärker in Widerspruch steht.
Der Caritasverband für die Diözese Speyer hat aus diesem Grund Politiker dazu eingeladen, einen Tag in einem Caritas-Altenzentrum zu verbringen. Wer etwas von der Not der alten Menschen und Mitarbeiter spürt, kann die Sorge für alte Menschen nicht länger in Form von Kostenanalysen und Statistiken abhandeln. Betroffenheit und Sensibilität sind der erste Schritt zur Veränderung.
Prälat Alfons Henrich
Direktor des Caritasverbandes für die Diözese Speyer